Expertenstandard Demenz 2026: Was sich ändert und was bleibt

Lesezeit etwa 8 Minuten

Expertenstandard Demenz 2026: Was sich ändert und was bleibt

Es ist halb acht im Frühdienst. Herr Lehmann sitzt vor seinem fertig geschmierten Brötchen und rührt es nicht an. Im Vorbeigehen ruft ihm eine Kollegin zu: „Na, heute kein Hunger?“ Auf eine Antwort wartet sie nicht. Später steht in der Dokumentation: „Frühstück abgelehnt“. Am nächsten Morgen hat eine andere Pflegefachperson Dienst. Sie kennt Herrn Lehmann seit einigen Wochen. Von seiner Tochter weiß sie, dass er vierzig Jahre lang Bäcker war und morgens erst gegessen hat, wenn die Arbeit getan war. Ihr ist aufgefallen, dass er unruhig wird, wenn ihm jemand alles fertig hinstellt. Also setzt sie sich zu ihm, nennt seinen Namen, legt ein ungeschnittenes Brötchen und ein Messer vor ihn und fragt, ob er ihr zeigt, wie man es richtig aufschneidet. Er schneidet, riecht daran und beißt ab.

Versorgt haben ihn beide. Beziehung gestaltet hat nur eine.

Sie hat ihn kennengelernt und versucht zu verstehen, was hinter seinem Verhalten steckt. Und nur bei ihr hat er gegessen. Genau darum geht es im Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“, den das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) im September 2026 in seiner ersten Aktualisierung veröffentlicht hat: über Verstehen einen Zugang zur Lebenswelt eines Menschen mit Demenz zu finden.

Die Aktualisierung bestätigt den Kern der Fassung von 2018 und schärft ihn an drei Stellen nach. Die Verstehenshypothese wird zum verbindlichen Teil der Maßnahmenplanung. Beziehungsgestaltung gilt nicht mehr als gesondertes Angebot, sondern als Bestandteil jeder pflegerischen Handlung. Und Angehörige rücken mit ihrem eigenen Bedarf stärker in den Blick.

Expertenstandard Demenz: Was geblieben ist und was geprüft wurde

Wer den Standard von 2018 kennt, muss nicht von vorn anfangen. Das DNQP schreibt selbst, die Aktualisierung habe den ursprünglichen Expertenstandard „grundlegend bestätigt“. Zielsetzung und Begründung sind inhaltlich gleich geblieben. Im Mittelpunkt steht weiterhin die Beziehungsgestaltung. Die Zielsetzung lautet: „Jeder Mensch mit Demenz erhält Angebote zur Beziehungsgestaltung, die das Gefühl, gehört, verstanden und angenommen zu werden sowie mit anderen Personen verbunden zu sein, erhalten oder fördern.“ Dahinter steht das Bedürfnis von Menschen mit Demenz, ihre soziale und personale Identität zu bewahren und in ihrem Person-Sein gestärkt zu werden.

Geprüft hat das DNQP den Standard planmäßig, und das Ergebnis ist klar umrissen. Die Expert:innenarbeitsgruppe (14 Fachleute aus Praxis und Wissenschaft unter Leitung von Prof. Dr. Martina Roes) sah Nachschärfungsbedarf vor allem an drei Stellen: Die Kriterien sollten verständlicher formuliert, das Vorgehen bei der Verstehenshypothese konkreter beschrieben und beziehungsfördernde Maßnahmen differenzierter dargestellt werden. In der Konsultation 2026 kamen aus der Fachwelt weitere Wünsche hinzu, etwa zu Qualifikation- und Weiterbildungsniveaus der Pflegefachpersonen, Dokumentation und Informationsmaterial für Angehörige. Erweitert wurde auch der Blick der Literaturanalyse: Sie schließt jetzt Menschen mit frontotemporaler Demenz und frühem Erkrankungsbeginn ein und berücksichtigt digitale Unterstützungsangebote. Eine Einschränkung bleibt: Viele Empfehlungen beruhen auf Fachexpertise, weil Studien mit höheren Evidenzgraden fehlen. Für die Umsetzung heißt das, dass auch Deine Erfahrung im Team zählt.

Was ist neu am Expertenstandard Demenz?

Die Verstehenshypothese wird verbindlich

Das DNQP nennt es selbst „die zentrale Veränderung“. 2018 hieß es noch knapp, die Pflegefachperson plant „auf Basis einer Verstehenshypothese“. Jetzt hat die Hypothese ein eigenes Prozesskriterium (P2a): Die Pflegefachperson entwickelt die Verstehenshypothese gemeinsam mit allen an der Pflege Beteiligten, und zwar zum Erleben und Verhalten des Menschen mit Demenz und dazu, welche Funktion dieses Verhalten für ihn hat. Passend dazu verlangt der Standard die nötige Kompetenz der Pflegenden (S2a) und klare Zuständigkeiten in der Einrichtung (S2b).

Genau das hat die zweite Kollegin bei Herrn Lehmann getan: aus Biografie und Beobachtung eine Vermutung abgeleitet und ausprobiert. Genauso gut hätte die Zahnprothese noch im Bad liegen können, oder er erkennt das Brötchen nicht mehr als Essen. Der Standard ermutigt ausdrücklich, mehrere solcher Vermutungen parallel aufzustellen und im Alltag zu prüfen, welche trägt. Dabei zählt auch die Tagesform. Viele Menschen mit Demenz wirken vormittags klarer, während ihre Fähigkeiten zum Abend hin wie verschwunden scheinen. Was beim Frühstück funktioniert, kann beim Abendessen also ins Leere laufen. Der Standard verlangt deshalb, dass Verstehenshypothese und Pflegeplanung solche Schwankungen berücksichtigen: mit mehreren Handlungsmöglichkeiten statt einer festen Routine und mit einer Beschreibung der Signale (Unruhe, Stimmung, Körpersprache), die zeigen, wann eine Maßnahme angepasst werden muss.

Der Ort dafür ist die Fallbesprechung, und auch sie wird konkret beschrieben: Eine verantwortliche Pflegefachperson bereitet vor, alle maßgeblich Beteiligten nehmen verbindlich teil, eine weitere Person moderiert. Das Ergebnis landet in der Pflegeplanung. Einträge wie „validierende Gespräche“ reichen dort nicht mehr, weil niemand daraus ablesen kann, in welcher Situation und bei welchem Thema was hilft.

Beziehungsgestaltung ist kein Angebot, sondern Alltag

Eine unscheinbare Streichung sagt viel. Im Kriterium P4 stand früher das „Angebot von Maßnahmen“. Diese Formulierung ist raus, weil sie in die Irre führte: Beziehungsgestaltung soll nicht an Gruppenangebote oder feste Termine gebunden sein, sondern zu jedem pflegerischen Handeln gehören. Körperpflege, Essen und Mobilisation sind genauso Beziehungsmomente wie die Singrunde am Nachmittag.

Damit das nicht abstrakt bleibt, ist die Kommentierung deutlich gewachsen. Sie ordnet die Maßnahmen vier Schwerpunkten zu, und die Beispiele sind bemerkenswert praktisch:

  • Lebensweltorientierung: Vertrautes nutzen, ohne in der Vergangenheit stehen zu bleiben. Kleine Tischgemeinschaften, Tischdecken statt Tabletts, eigene Möbel und die Lieblingstasse.
  • Wahrnehmungsförderung: Brille, Hörgerät und Zahnprothese sind sauber, funktionieren und werden getragen. Sinnesreize wie Kaffeeduft oder Geschirrklappern vor dem Essen wirken im Alltag besser als isolierte „Therapie-Einheiten“. Und eine leere, monotone Umgebung schadet ebenso wie eine laute.
  • Wertschätzung und Zuwendung: Wer ein Zimmer betritt, spricht die Person an und sucht Blickkontakt, auch wenn nur der Müll geleert wird. Verniedlichende Sprache („Elderspeak“, etwa angehängte Fragen wie „..., ja?“) soll vermieden werden, weil sie Widerstand fördern kann.
  • Spezifische Maßnahmen: Der Standard nennt auch gezielte Angebote wie Begegnungen mit Tieren, Gartenarbeit, Bewegung, Musik und technische Hilfen bis hin zu sozialen Robotern. Sie wirken vor allem dann, wenn sie zur Person und ihrer Tagesform passen und gemeinsam gestaltet werden. Bei Puppen bleibt der Standard vorsichtig: nur, wenn die Person das Angebot erkennbar annimmt.

Zurück an den Frühstückstisch. Was die zweite Pflegefachperson dort getan hat, ist nach dieser Logik keine Zusatzleistung. Es ist genau das, was der Standard meint, wenn er Beziehungsgestaltung als Bestandteil jedes Pflegehandelns beschreibt.

Angehörige haben eigene Bedarfe

Bisher tauchten An- und Zugehörige vor allem als Quelle auf: Sie kennen die Biografie, sie wissen, was beruhigt. Das bleibt so. Neu ist, dass der Standard sie ausdrücklich auch als Menschen mit eigenem Bedarf sieht. Schon bei der Einschätzung sollen ihre Beziehungs- und Unterstützungsbedarfe erfasst werden.

Die Begründung ist nachvollziehbar. Die meisten Menschen mit Demenz leben zu Hause und werden dort von Angehörigen versorgt, so wie sie es sich meist auch wünschen. Viele dieser Angehörigen berichten, dass ihre eigenen Bedürfnisse niemand anspricht. Sie fühlen sich belastet, manche werden selbst krank. Und wer erschöpft ist, kann Beziehung schwer tragen.

Praktisch heißt das: Erst kommt eine systematische Analyse, was die Familie braucht, dann ein passendes Paket aus Beratung, Anleitung und Entlastung. Dokumentiert wird auch, welche Angebote jemand nicht nutzt und warum. Gerade diese Gründe sind aufschlussreich, denn oft passt das Angebot nicht zur Lebenslage. Für das Gespräch schlägt der Standard drei einfache Fragen vor: Wer kann wann da sein? Wer ist belastbar? Welche Unterstützung wird gebraucht?

Auch die Einrichtung ist hier gefordert. Sie sorgt für Rahmenbedingungen und Materialien zur Information und Beratung, und zwar für Angehörige und für die Menschen mit Demenz selbst (S3b). Ein kleines Wort mit großer Wirkung: Auch wer selbst an Demenz erkrankt ist, soll verständlich informiert werden.

Was bedeutet die Aktualisierung 2026 für die Praxis?

Wenn Du leitest oder im Qualitätsmanagement arbeitest

Der Standard legt die Verantwortung dorthin, wo sie hingehört. Person-zentrierte Pflege zu ermöglichen, sei „in erster Linie Führungsaufgabe“. Gemeint sind ganz handfeste Dinge: eine Personaleinsatzplanung, die vertraute Bezugspersonen möglich macht, genug Zeit für Interaktion und ein Tagesablauf ohne ständige ungeplante Wechsel. Der Standard benennt auch offen, warum Fortbildungen so oft ausfallen (Personalengpässe, Arbeitsverdichtung, fehlende Freistellung), und fordert deshalb feste Lern- und Entwicklungszeiten. Neu ist der Hinweis, Sprachkompetenz gezielt zu fördern, gerade bei Kolleginnen und Kollegen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist.

Und was heißt das konkret? Wenn Ihr den Expertenstandard Demenz schon eingeführt habt, rechnet das DNQP nur mit geringen Anpassungen. Ein guter Startpunkt ist das aktualisierte Auditinstrument. Prüfe vor allem, ob es bei Euch eine Verfahrensregel für Fallbesprechungen gibt, mit festen Zuständigkeiten, Rhythmus und Moderation.

Wenn Du direkt mit Menschen mit Demenz arbeitest

Für Dich verschiebt sich weniger das Was als das Wie genau. Drei Dinge lohnen sich sofort:

  1. Bring ein Verhalten, das Euch rätselhaft ist, in die nächste Fallbesprechung und formuliert gemeinsam mehr als eine Vermutung.
  2. Schreib in die Pflegeplanung, was in welcher Situation hilft, statt „Biografiearbeit“ oder „validierende Gespräche“.
  3. Frag Angehörige nicht nur nach der Biografie, sondern auch danach, wie es ihnen selbst geht.

Was Du mitnimmst

Die Aktualisierung erfindet die Beziehungsgestaltung nicht neu. Sie nimmt sie beim Wort. Was 2018 vor allem als Haltung beschrieben war, bekommt jetzt einen festen Platz in der Praxis. Das Team entwickelt gemeinsam Verstehenshypothesen, jede Pflegehandlung wird zur Gelegenheit für Beziehung, und Angehörige werden mit ihrem eigenen Bedarf gesehen.

Für Deinen Alltag heißt das vor allem dreierlei:

  • Hinter jedem Verhalten steckt eine Bedeutung. Wer fragt, warum jemand nicht isst, unruhig wird oder sich wehrt, findet eher einen Zugang als jemand, der nur notiert. Die Verstehenshypothese macht aus dieser Frage gemeinsames Wissen im Team.
  • Jede Handlung ist eine Gelegenheit für Beziehung. Körperpflege, Essen und Mobilisation sind nicht nur Aufgaben. Ein Blick, der Name, ein angekündigter Handgriff verändern, wie ein Mensch mit Demenz die Situation erlebt.
  • Angehörige sind Partner und brauchen selbst Unterstützung. Sie wissen oft, was Zugang schafft. Gleichzeitig tragen viele eine große Last, und auch danach darfst Du fragen.

Feste Lern- und Entwicklungszeiten fordert der Standard zu Recht, doch im Schichtalltag bleibt dafür oft wenig Raum. Genau hier setzt SuperNurse an: Mit Lernkarten und Quizfragen zum aktualisierten Expertenstandard Demenz frischst Du Dein Wissen in wenigen Minuten auf, wann und wo es für Dich passt. So wird aus dem neuen Standard Schritt für Schritt gelebte Praxis, für Dich und Dein ganzes Team.

Quellen

  • Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (Hrsg.) (2026): Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz, 1. Aktualisierung 2026. Osnabrück: DNQP.
  • Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (Hrsg.) (2018): Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz. Osnabrück: DNQP.

‍

No items found.