Demenz in der Pflege: Beziehung einfach erklärt

Der Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz beschreibt, wie Pflegefachpersonen Unterstützungsbedarfe erkennen, individuelle Verstehenshypothesen entwickeln und Beziehung aktiv gestalten – mit dem Ziel, dass sich Betroffene verstanden und angenommen fühlen.

Auf Basis des DNQP-Expertenstandards Beziehungsgestaltung, 2018 – fachlich geprüft.

Ein Computerbildschirm welcher ein Screenshot des SuperNurse Cockpit und die mobile Version der App zeigt.
Verstehenshypothese
Person-Zentrierung
Überblick

Das Wichtigste in Kürze

Sechs Punkte zum Expertenstandard Beziehungsgestaltung.

Rund 1,8 Millionen Betroffene

Ende 2023 lebten in Deutschland etwa 1,8 Millionen Menschen mit Demenz – Tendenz stark steigend.

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Kein Assessment vorgeschrieben

Der Expertenstandard empfiehlt kein bestimmtes Screening- oder Testinstrument.

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Verstehenshypothese statt Diagnose

Verhalten wird als Ausdruck eines Bedürfnisses gedeutet – als Annahme, die überprüft und angepasst wird.

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Beziehung ist die Kernaufgabe

Funktionale Aufgaben werden in Beziehungshandeln eingebettet, nicht umgekehrt.

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Kein Pflegemodell vorgeschrieben

Validation, Mäeutik oder DCM – der Standard empfiehlt kein bestimmtes Modell.

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Menschen mit Demenz bekommen mehr mit, als oft gedacht

Auch bei fortgeschrittener Demenz bleibt die emotionale Wahrnehmung von Zuwendung erhalten.

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1
Definition

Was ist Demenz?

Demenz bezeichnet den erworbenen Verlust höherer Gehirnfunktionen durch den fortschreitenden Untergang von Gehirngewebe. Betroffen sein können Gedächtnis, Denken, Orientierung, Sprache und Urteilsvermögen – die Symptome müssen für eine Diagnose mindestens sechs Monate bestehen.

Das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, steigt mit dem Alter deutlich an: Bei 65- bis 69-Jährigen liegt es bei etwa 1,5 Prozent und verdoppelt sich ungefähr alle fünf Jahre. Bei den über 90-Jährigen sind mehr als 30 Prozent betroffen.

Die häufigsten Formen

Rund 60 Prozent aller Demenzerkrankungen sind vom Alzheimer-Typ, etwa 20 Prozent vaskulär (durchblutungsbedingt) und rund 15 Prozent Lewy-Körperchen-Demenzen. Primäre Demenzformen entstehen durch den Verlust von Nervenzellen und sind nicht heilbar. Sekundäre Demenzen – etwa durch Vitaminmangel oder Medikamentenwirkung – können sich mit der richtigen Behandlung zurückbilden.

Ein Symptom zieht oft weitere nach sich

Primärsymptome wie Gedächtnisstörungen führen häufig zu Sekundärsymptomen: Orientierungslosigkeit löst Angst aus, Angst kann in Aggressivität münden, der Versuch, sich die eigene Situation zu erklären, kann zu Wahnvorstellungen führen. Wer diesen Zusammenhang kennt, deutet Verhalten anders.

2
Haltung

Was Person-Zentrierung bedeutet

Es gibt keine einheitliche Definition von Person-Zentrierung. Im Kern geht es immer um dasselbe: die Einzigartigkeit eines Menschen anzuerkennen – nicht seine Klassifizierung als „Demenzkranker“.

Drei Verschiebungen, die der Standard vornimmt

  • Vom Was zum Wie: Nicht nur die Handlung selbst zählt, sondern die Art, wie sie ausgeführt wird.
  • Von der Funktion zur Beziehung: Funktionale Aufgaben werden in Beziehungshandeln eingebettet – nicht umgekehrt.
  • Vom Objektiven zum Subjektiven: Neben objektiven Bedarfen zählen die subjektiven Bedürfnisse der Person.

Der Expertenstandard empfiehlt bewusst kein bestimmtes Pflegemodell – die Schwerpunkte sollen je nach Einrichtung gesetzt werden. Bekannte Modelle mit person-zentrierten Elementen:

  • Dementia Care Mapping (DCM) nach Tom Kitwood
  • Validation nach Naomi Feil bzw. Integrative Validation nach Nicole Richard
  • Das mäeutische Pflege- und Betreuungsmodell von Cora van der Kooij
  • Das psychobiografische Pflegemodell nach Erwin Böhm

Warum das mehr als Theorie ist

Die notwendigen Rahmenbedingungen für person-zentrierte Pflege stehen oft im Widerspruch zu Leistungskontrollen der Kostenträger, die Beziehungsarbeit kaum berücksichtigen. Der Expertenstandard macht sich explizit dafür stark, Beziehungsarbeit finanziell und organisatorisch genauso ernst zu nehmen wie funktionale Aufgaben.

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Einschätzung

Demenz erkennen, ohne zu testen

Auch hier gibt der Expertenstandard bewusst keine Empfehlung für ein bestimmtes Instrument – anders, als viele erwarten.

Häufiger Irrtum

Der Expertenstandard empfiehlt zwar ein kriteriengestütztes Vorgehen, aber kein bestimmtes Screening- oder Assessmentinstrument. Grund: Vorhandene Instrumente bilden Beziehungsgestaltung nur implizit ab, nie umfassend. Die Identifikation der Zielgruppe hängt stark vom jeweiligen Pflegesektor ab.

Woher die Hinweise kommen

In Deutschland dient häufig die ICD-10 als Referenz: Störungen von Gedächtnis, Denken, Orientierung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen gelten als Kriterien. Das US-amerikanische Diagnosemanual DSM-5 verwendet den Begriff „Demenz“ inzwischen nicht mehr und spricht stattdessen von neurokognitiven Störungen. In der Altenpflege liefert zusätzlich Modul 2 des Neuen Begutachtungsinstruments (NBA) Hinweise – etwa zum Erkennen von Personen, zur Orientierung oder zum Treffen von Alltagsentscheidungen.

Wichtig für die ambulante Pflege

Eine gesicherte ärztliche Diagnose fehlt hier oft. Umso mehr zählen die interprofessionelle Zusammenarbeit, der Austausch mit Angehörigen und eine sorgfältige Beobachtung im Alltag.

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Kernkonzept

Die Verstehens­hypothese: Verhalten als Botschaft lesen

Herausforderndes Verhalten wird nicht bewertet, sondern gedeutet. Die Verstehenshypothese ist eine Annahme über die Ursache – und bleibt bewusst vorläufig.

Schritt 1

Verhalten beobachten

Im Team besprechen, nicht allein bewerten

Schritt 2

Hypothese bilden

Welchen Sinn hat das Verhalten aus Sicht der Person?

Schritt 3

Maßnahme ableiten

Gemeinsam mit Person und Angehörigen planen

Schritt 4

Wirkung prüfen

Greift die Maßnahme nicht – neue Hypothese bilden

Eine Hypothese, die sich als unzutreffend erweist, wird verworfen – nicht verteidigt.

Drei Fragen zur Erarbeitung

  • Wie erlebt die Person sich selbst, andere Menschen und ihre Umwelt?
  • Welchen persönlichen Sinn haben ihre Verhaltensweisen, Gefühle und Erfahrungen?
  • Welche Funktion erfüllt das Verhalten – was wird dadurch ausgeglichen oder beantwortet?

Was eine gute Hypothese vermeidet

Vorschnelle Urteile wie „Das macht die Person nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen“ verhindern echtes Verstehen. Wird Verhalten stattdessen als Versuch der Orientierung oder Problemlösung erkannt, verändert sich die Wahrnehmung – von „der bedroht mich“ zu „der hat Angst“. Das wirkt sich spürbar auf das eigene Verhalten aus und wirkt beruhigend auf die betroffene Person zurück.

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Praxis

Kommunikation und Beziehung im Alltag gestalten

Mit fortschreitender Demenz wird die Aufrechterhaltung der Konversation selbst zum Ziel – der Inhalt tritt in den Hintergrund.

Grundregeln der Kommunikation

  • Blickkontakt vor der Ansprache, Kommunikation auf Augenhöhe
  • Verbale Techniken wie Paraphrasieren, Zusammenfassen, Ermutigung
  • Lautstärke, Wortwahl und Satzlänge anpassen – ohne zu infantilisieren
  • Paraverbale und nonverbale Signale aktiv deuten (Tonhöhe, Pausen, Körpersprache)

Zwei Wege im Umgang mit subjektiven Realitäten

Menschen mit fortgeschrittener Demenz befinden sich manchmal in einer anderen biografischen Realität. Sie ständig mit der aktuellen Wirklichkeit zu konfrontieren, ist selten sinnvoll – stattdessen kommen je nach Situation unterschiedliche Ansätze zum Einsatz:

Realitäts­orientierung

Die aktuelle Situation benennen

„Sie sind im Krankenhaus, weil Sie ein Problem mit dem Herzen haben.“

  • Hilfreich zur Orientierung, wenn die Person davon profitiert
  • Kann verunsichern, wenn sie die subjektive Realität negiert
Validation

Die Gefühlswelt aufgreifen

„Sie vermissen Ihre Mutter …“

  • Nimmt das Gefühl hinter der Aussage ernst, statt es zu korrigieren
  • Baut Stress ab und stärkt Würde und Sicherheit

Beide Wege sind richtig – die Wahl hängt von der Situation ab, nicht von einer festen Regel. In Ausnahmesituationen kann sogar das bewusste Eingehen auf eine subjektive Realität sinnvoll sein, etwa: „Ich verscheuche die Spinnen, damit Sie gut schlafen können.“

Die vertraute Lebenswelt als Anker

Eigene Möbel, Fotos an der Wand, eine griffbereite Handtasche oder eine bestimmte Zeitung wirken als Kommunikationsanreize und vermitteln Sicherheit. Mit fortschreitender Demenz gewinnen grundlegende Umgebungsmerkmale an Bedeutung: Helligkeit, Schutz vor Lärm, ein gemütliches Ambiente und barrierefreie Laufwege.

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Mythen

Häufige Irrtümer über Demenz

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft hat die zehn häufigsten Irrtümer gesammelt – eine Auswahl.

„Das macht die Person nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen.“

Richtig: Herausforderndes Verhalten ist meist Ausdruck eines Bedürfnisses oder einer Angst – die Verstehenshypothese hilft, die Ursache zu erkennen, statt sie abzutun.

„Ein gutes Gedächtnistraining hilft in jedem Fall.“

Richtig: Der Expertenstandard spricht keine Empfehlung für bestimmte Interventionen wie Gedächtnistraining aus – die wissenschaftliche Fundierung ist unzureichend.

„Eine Diagnose ist unnötig, man kann ja sowieso nicht helfen.“

Richtig: Auch ohne Heilung verändert eine Diagnose die Versorgung – etwa durch gezielte Beziehungsgestaltung, Anpassung der Umgebung und Unterstützung für Angehörige.

„Es ist völlig normal, im Alter verwirrt zu sein – das gehört dazu.“

Richtig: Demenz ist eine eigenständige Erkrankung, kein normaler Alterungsprozess. Die Symptome müssen für eine Diagnose über mindestens sechs Monate bestehen.

„Alzheimer ist nicht schlimm, die Betroffenen merken ja gar nichts davon.“

Richtig: Die weit verbreitete Annahme, Menschen mit Demenz „bekämen nichts mit“, hat sich als falsch erwiesen. Die Gefühlswelt bleibt erhalten – auch wenn Gesprächen zu folgen zunehmend schwerer fällt.

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Aktuelle Fachinhalte

Dieses Fachthema basiert auf dem DNQP-Expertenstandard Beziehungsgestaltung, 2018.

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SuperNurse-Cockpit: Lernstand eines Wohnbereichs je Fachthema in Prozent
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FAQ

Häufige Fragen zu Demenz und Beziehungsgestaltung

Welche Rolle spielen Angehörige in der Beziehungsgestaltung?
Wie viele Menschen sind in Deutschland von Demenz betroffen?
Bekommen Menschen mit fortgeschrittener Demenz noch etwas mit?
Sollte man Menschen mit Demenz immer mit der Realität konfrontieren?
Was ist eine Verstehenshypothese?
Welches Pflegemodell sollte meine Einrichtung nutzen?
Was ist der Unterschied zwischen Demenz und normaler Vergesslichkeit im Alter?
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