Das Wichtigste in Kürze
Sechs Punkte zum Expertenstandard Beziehungsgestaltung.
Was ist Demenz?
Demenz bezeichnet den erworbenen Verlust höherer Gehirnfunktionen durch den fortschreitenden Untergang von Gehirngewebe. Betroffen sein können Gedächtnis, Denken, Orientierung, Sprache und Urteilsvermögen – die Symptome müssen für eine Diagnose mindestens sechs Monate bestehen.
Das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, steigt mit dem Alter deutlich an: Bei 65- bis 69-Jährigen liegt es bei etwa 1,5 Prozent und verdoppelt sich ungefähr alle fünf Jahre. Bei den über 90-Jährigen sind mehr als 30 Prozent betroffen.
Die häufigsten Formen
Rund 60 Prozent aller Demenzerkrankungen sind vom Alzheimer-Typ, etwa 20 Prozent vaskulär (durchblutungsbedingt) und rund 15 Prozent Lewy-Körperchen-Demenzen. Primäre Demenzformen entstehen durch den Verlust von Nervenzellen und sind nicht heilbar. Sekundäre Demenzen – etwa durch Vitaminmangel oder Medikamentenwirkung – können sich mit der richtigen Behandlung zurückbilden.
Ein Symptom zieht oft weitere nach sich
Primärsymptome wie Gedächtnisstörungen führen häufig zu Sekundärsymptomen: Orientierungslosigkeit löst Angst aus, Angst kann in Aggressivität münden, der Versuch, sich die eigene Situation zu erklären, kann zu Wahnvorstellungen führen. Wer diesen Zusammenhang kennt, deutet Verhalten anders.
Was Person-Zentrierung bedeutet
Es gibt keine einheitliche Definition von Person-Zentrierung. Im Kern geht es immer um dasselbe: die Einzigartigkeit eines Menschen anzuerkennen – nicht seine Klassifizierung als „Demenzkranker“.
Drei Verschiebungen, die der Standard vornimmt
- Vom Was zum Wie: Nicht nur die Handlung selbst zählt, sondern die Art, wie sie ausgeführt wird.
- Von der Funktion zur Beziehung: Funktionale Aufgaben werden in Beziehungshandeln eingebettet – nicht umgekehrt.
- Vom Objektiven zum Subjektiven: Neben objektiven Bedarfen zählen die subjektiven Bedürfnisse der Person.
Der Expertenstandard empfiehlt bewusst kein bestimmtes Pflegemodell – die Schwerpunkte sollen je nach Einrichtung gesetzt werden. Bekannte Modelle mit person-zentrierten Elementen:
- Dementia Care Mapping (DCM) nach Tom Kitwood
- Validation nach Naomi Feil bzw. Integrative Validation nach Nicole Richard
- Das mäeutische Pflege- und Betreuungsmodell von Cora van der Kooij
- Das psychobiografische Pflegemodell nach Erwin Böhm
Warum das mehr als Theorie ist
Die notwendigen Rahmenbedingungen für person-zentrierte Pflege stehen oft im Widerspruch zu Leistungskontrollen der Kostenträger, die Beziehungsarbeit kaum berücksichtigen. Der Expertenstandard macht sich explizit dafür stark, Beziehungsarbeit finanziell und organisatorisch genauso ernst zu nehmen wie funktionale Aufgaben.
Demenz erkennen, ohne zu testen
Auch hier gibt der Expertenstandard bewusst keine Empfehlung für ein bestimmtes Instrument – anders, als viele erwarten.
Häufiger Irrtum
Der Expertenstandard empfiehlt zwar ein kriteriengestütztes Vorgehen, aber kein bestimmtes Screening- oder Assessmentinstrument. Grund: Vorhandene Instrumente bilden Beziehungsgestaltung nur implizit ab, nie umfassend. Die Identifikation der Zielgruppe hängt stark vom jeweiligen Pflegesektor ab.
Woher die Hinweise kommen
In Deutschland dient häufig die ICD-10 als Referenz: Störungen von Gedächtnis, Denken, Orientierung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen gelten als Kriterien. Das US-amerikanische Diagnosemanual DSM-5 verwendet den Begriff „Demenz“ inzwischen nicht mehr und spricht stattdessen von neurokognitiven Störungen. In der Altenpflege liefert zusätzlich Modul 2 des Neuen Begutachtungsinstruments (NBA) Hinweise – etwa zum Erkennen von Personen, zur Orientierung oder zum Treffen von Alltagsentscheidungen.
Wichtig für die ambulante Pflege
Eine gesicherte ärztliche Diagnose fehlt hier oft. Umso mehr zählen die interprofessionelle Zusammenarbeit, der Austausch mit Angehörigen und eine sorgfältige Beobachtung im Alltag.
Die Verstehenshypothese: Verhalten als Botschaft lesen
Herausforderndes Verhalten wird nicht bewertet, sondern gedeutet. Die Verstehenshypothese ist eine Annahme über die Ursache – und bleibt bewusst vorläufig.
Verhalten beobachten
Im Team besprechen, nicht allein bewerten
Hypothese bilden
Welchen Sinn hat das Verhalten aus Sicht der Person?
Maßnahme ableiten
Gemeinsam mit Person und Angehörigen planen
Wirkung prüfen
Greift die Maßnahme nicht – neue Hypothese bilden
Eine Hypothese, die sich als unzutreffend erweist, wird verworfen – nicht verteidigt.
Drei Fragen zur Erarbeitung
- Wie erlebt die Person sich selbst, andere Menschen und ihre Umwelt?
- Welchen persönlichen Sinn haben ihre Verhaltensweisen, Gefühle und Erfahrungen?
- Welche Funktion erfüllt das Verhalten – was wird dadurch ausgeglichen oder beantwortet?
Was eine gute Hypothese vermeidet
Vorschnelle Urteile wie „Das macht die Person nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen“ verhindern echtes Verstehen. Wird Verhalten stattdessen als Versuch der Orientierung oder Problemlösung erkannt, verändert sich die Wahrnehmung – von „der bedroht mich“ zu „der hat Angst“. Das wirkt sich spürbar auf das eigene Verhalten aus und wirkt beruhigend auf die betroffene Person zurück.
Kommunikation und Beziehung im Alltag gestalten
Mit fortschreitender Demenz wird die Aufrechterhaltung der Konversation selbst zum Ziel – der Inhalt tritt in den Hintergrund.
Grundregeln der Kommunikation
- Blickkontakt vor der Ansprache, Kommunikation auf Augenhöhe
- Verbale Techniken wie Paraphrasieren, Zusammenfassen, Ermutigung
- Lautstärke, Wortwahl und Satzlänge anpassen – ohne zu infantilisieren
- Paraverbale und nonverbale Signale aktiv deuten (Tonhöhe, Pausen, Körpersprache)
Zwei Wege im Umgang mit subjektiven Realitäten
Menschen mit fortgeschrittener Demenz befinden sich manchmal in einer anderen biografischen Realität. Sie ständig mit der aktuellen Wirklichkeit zu konfrontieren, ist selten sinnvoll – stattdessen kommen je nach Situation unterschiedliche Ansätze zum Einsatz:
Die aktuelle Situation benennen
„Sie sind im Krankenhaus, weil Sie ein Problem mit dem Herzen haben.“
- Hilfreich zur Orientierung, wenn die Person davon profitiert
- Kann verunsichern, wenn sie die subjektive Realität negiert
Die Gefühlswelt aufgreifen
„Sie vermissen Ihre Mutter …“
- Nimmt das Gefühl hinter der Aussage ernst, statt es zu korrigieren
- Baut Stress ab und stärkt Würde und Sicherheit
Beide Wege sind richtig – die Wahl hängt von der Situation ab, nicht von einer festen Regel. In Ausnahmesituationen kann sogar das bewusste Eingehen auf eine subjektive Realität sinnvoll sein, etwa: „Ich verscheuche die Spinnen, damit Sie gut schlafen können.“
Die vertraute Lebenswelt als Anker
Eigene Möbel, Fotos an der Wand, eine griffbereite Handtasche oder eine bestimmte Zeitung wirken als Kommunikationsanreize und vermitteln Sicherheit. Mit fortschreitender Demenz gewinnen grundlegende Umgebungsmerkmale an Bedeutung: Helligkeit, Schutz vor Lärm, ein gemütliches Ambiente und barrierefreie Laufwege.
Häufige Irrtümer über Demenz
Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft hat die zehn häufigsten Irrtümer gesammelt – eine Auswahl.
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Aktuelle Fachinhalte
Dieses Fachthema basiert auf dem DNQP-Expertenstandard Beziehungsgestaltung, 2018.
Nachweise und Lernfortschritt
Leitungspersonen behalten Qualifikationen im Blick – inklusive Zertifikaten.
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Häufige Fragen zu Demenz und Beziehungsgestaltung
Eine zentrale: Sie sind Informationsquelle, Bezugspunkt und Partner im Pflegeprozess – werden aber selbst oft stark belastet und sollten entsprechend unterstützt werden.
Ende 2023 rund 1,8 Millionen Menschen, davon knapp 1,2 Millionen Frauen. Aufgrund der demografischen Entwicklung wird ein weiterer starker Anstieg erwartet.
Ja. Die emotionale Wahrnehmung von Zuwendung, Nähe und Ablehnung bleibt weitgehend erhalten, auch wenn Gesprächsinhalte zunehmend schwerer zu verfolgen sind.
Nicht zwingend. Neben Realitätsorientierung kommt je nach Situation auch Validation zum Einsatz – das Aufgreifen der Gefühlswelt statt der Korrektur der Aussage.
Eine im Team entwickelte, vorläufige Annahme darüber, welchen Sinn ein Verhalten für die betroffene Person hat. Sie wird überarbeitet, wenn sie sich als unzutreffend erweist.
Der Expertenstandard schreibt kein bestimmtes Modell vor. Validation, Mäeutik, DCM und weitere Ansätze enthalten person-zentrierte Elemente – die Wahl trifft jede Einrichtung selbst.
Demenz ist eine eigenständige, fortschreitende Erkrankung mit Symptomen, die über mindestens sechs Monate bestehen müssen – kein normaler Alterungsprozess.
Quellen & weiterführende Informationen
Fachliche Grundlage dieser Seite ist der Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz (DNQP, 2018).


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