Sepsis erkennen und behandeln einfach erklärt

Eine Sepsis ist eine lebensbedrohliche Dysfunktion der Organe infolge einer fehlgeleiteten Immunreaktion auf eine Infektion. Sie zählt zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland und stellt einen akuten Notfall dar, der aufgrund unspezifischer Anzeichen oft schwer zu erkennen ist.

Auf Basis der S3-Leitlinie Sepsis (Update 2025) und der APS-Handlungsempfehlungen – fachlich geprüft.

Ein Computerbildschirm welcher ein Screenshot des SuperNurse Cockpit und die mobile Version der App zeigt.
qSOFA-Score
Die erste Stunde zählt
Überblick

Das Wichtigste in Kürze

Sechs Punkte zur Sepsis, die jede Pflegefachperson kennen sollte.

Eine der häufigsten Todesursachen

Rund 230.000 Erkrankungen und etwa 85.000 Todesfälle jährlich in Deutschland – doppelt so viele Menschen sterben an einer Sepsis wie an Schlaganfall und Herzinfarkt zusammen.

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Jede Stunde zählt

Jede Stunde Verzögerung bei der Antibiotikagabe erhöht die Sterblichkeit um bis zu 7 Prozent.

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Anzeichen sind unspezifisch

Es gibt keine eindeutigen klinischen Zeichen. Deshalb kann auch das Gefühl, dass „etwas nicht stimmt“, ein wichtiger Hinweis sein.

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qSOFA als schnelle Ersteinschätzung

Drei einfache Kriterien unterstützen die erste Einschätzung bei Sepsisverdacht.

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SIRS ist keine Sepsis

Eine generalisierte Entzündungsreaktion ohne nachweisbare Infektion ist etwas anderes und beweist keine Sepsis.

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Folgen reichen weit über die Akutphase hinaus

75 % der Betroffenen leiden nach überstandener Sepsis an Langzeitfolgen – teils erst Jahre später sichtbar.

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Definition

Was ist eine Sepsis?

Umgangssprachlich „Blutvergiftung" genannt, ist die Sepsis fachlich präziser definiert: eine lebensbedrohliche Organdysfunktion infolge einer fehlgeleiteten Immunreaktion auf eine Infektion.

Eine Sepsis kann als Komplikation nahezu jeder Infektion auftreten – am häufigsten ausgelöst durch bakterielle Infektionen der Atemwege, des Verdauungstrakts oder des Urogenitaltrakts. Die häufigsten Erreger sind gramnegative Bakterien wie E. coli, Staphylococcus aureus und Streptokokken.

Häufiger Irrtum

SIRS (Systematic Inflammatory Response Syndrome)  ist eine generalisierte Entzündungsreaktion, die klinisch einer Sepsis ähneln kann, jedoch ohne nachweisbare Infektion auftritt, etwa nach einem schweren Trauma oder bei einer Pankreatitis. Viele Menschen mit SIRS-Kriterien entwickeln keine Infektion und haben keine ungünstige Prognose. Die SIRS-Kriterien allein sind zu unspezifisch, um eine Sepsis zu diagnostizieren.

Wann wird aus einer Sepsis ein septischer Schock?

Der septische Schock ist eine Form des distributiven Schocks. Der distributive Schock zählt zu den vier Hauptformen des Schocks; dazu gehören auch der anaphylaktische und der neurogene Schock. Dabei ist das Blut im Körper fehlverteilt, sodass lebenswichtige Organe nicht ausreichend versorgt werden.

Infektion

Mikroorganismen dringen in den Organismus ein und lösen je nach Virulenz und Abwehrlage eine Entzündungsreaktion oder Erkrankung aus.

Bakteriämie

Lebende Bakterien sind im Blut nachweisbar. Bei Viren spricht man von Virämie, bei Pilzen von Fungämie, bei Parasiten von Parasitämie.

Multiorganversagen

Versagen mindestens zweier lebenswichtiger Organsysteme, etwa Lunge, Niere und Leber – eine mögliche Folge einer unbehandelten Sepsis.

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Erkennen

Frühzeichen und der qSOFA-Score

Das klinische Bild einer Sepsis ist unspezifisch, gerade das macht sie gefährlich. Ein einfacher Score unterstützt das frühzeitige Erkennen eines erhöhten Risikos.

Woran Pflegefachpersonen denken sollten

Bei Menschen mit vermuteter oder nachgewiesener Infektion sollte an eine Sepsis gedacht werden bei:

  • erhöhter Herzfrequenz und beschleunigter Atmung
  • niedrigem Blutdruck
  • Verwirrtheit oder Desorientiertheit
  • dem Gefühl, dass mit der Person etwas nicht stimmt – ausdrücklich als eigenständiges Warnzeichen anerkannt

Besteht ein Sepsis-Verdacht, muss das ärztliche Personal sofort informiert werden – ein Gefühl reicht als Anlass.

Täuschend gesund

Bei Neugeborenen, älteren oder immungeschwächten Menschen kann die Körpertemperatur normal oder sogar erniedrigt sein. Weil die Hautdurchblutung zu Beginn gesteigert ist, können Betroffene sogar gesünder wirken, als sie tatsächlich sind.

Der qSOFA-Score: drei Kriterien für die Ersteinschätzung

Der qSOFA-Score (quick Sepsis related Organ Failure Assessment) wurde von der Sepsis-3-Arbeitsgruppe entwickelt, um Betroffene mit hohem Risiko schnell zu identifizieren – außerklinisch, in Notaufnahmen und auf Normalstationen. Er ersetzt keine Diagnose, sondern dient der schnellen Einschätzung ohne Labor.

qSOFA – drei Kriterien

  • Atemfrequenz ≥ 22/min
  • Systolischer Blutdruck ≤ 100 mmHg
  • Glasgow Coma Score (GCS) < 15 Punkte

Zwei oder mehr Kriterien erfüllt

  • Hinweis auf eine Sepsis mit schlechterem Outcome
  • Sofortige ärztliche Information und weitere Diagnostik
  • Ersetzt nicht die klinische Gesamteinschätzung

Auf Intensivstationen kommt ergänzend der aufwändigere SOFA-Score zum Einsatz: Er bewertet sechs Organsysteme mit je 0 bis 4 Punkten. Eine Verschlechterung um mindestens 2 Punkte gilt als Hinweis auf eine sepsisassoziierte Organdysfunktion – bei stationären Patient:innen außerhalb der Intensivstation entspricht das einem Mortalitätsrisiko von über 10 Prozent.

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Therapie

Warum die erste Stunde zählt

Bei Sepsis ist Zeit der entscheidende Faktor. Das „Stunde-1-Maßnahmenbündel" bündelt, was in den ersten 60 Minuten nach Verdacht passieren sollte.

Schritt 1

Laktatwert bestimmen

Bei über 2 mmol/l Kontrollmessung durchführen.

Schritt 2

Blutkulturen abnehmen

Mindestens zwei Proben, vor Beginn der Antibiotikagabe.

Schritt 3

Antibiotikatherapie starten

Sofort nach Probenentnahme, in hoher Dosierung.

Schritt 4

Volumen und Kreislauf sichern

Bei niedrigem Blutdruck: Vollelektrolytlösung, bei Bedarf Vasopressoren (Ziel-MAP ≥ 65 mmHg).

Die Zahl, die alles erklärt

Jede Stunde Verzögerung bei einer wirksamen Antibiotikatherapie erhöht die Sterblichkeit um bis zu 7 Prozent. Breitspektrumantibiotika gelten bei Sepsis als absolute Notfallmedikamente – das Ergebnis der Blutkultur liegt erst nach 2 bis 3 Tagen vor und spielt für die erste Wahl des Antibiotikums keine Rolle.

Zwei Säulen der Therapie

  • Erreger beseitigen: antimikrobielle Therapie plus Ausschaltung des Infektionsherdes – etwa durch Entfernen infizierter Katheter oder chirurgische Wundreinigung.
  • Organfunktionen stützen: Sauerstoffgabe, Kreislaufstabilisierung und bei Bedarf Ersatz ausgefallener Organfunktionen.

Bei septischem Schock soll die intravenöse Antiinfektiva-Therapie innerhalb einer Stunde beginnen; bei Sepsisverdacht ohne Schocksymptomatik bleibt nach aktueller Leitlinie ein Zeitfenster von bis zu drei Stunden für weitere Diagnostik. Die Antibiotikatherapie dauert in der Regel 7 bis 10 Tage.

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Pflege

Pflegerische Aufgaben bei Sepsis und septischem Schock

Von der Diagnostik bis zur Stabilisierung – die pflegerische Rolle reicht weit über die Medikamentengabe hinaus.

Diagnostik

Proben korrekt gewinnen

Mindestens zwei Blutkulturen aus getrennten Punktionsstellen, Mittelstrahlurin, ggf. Sputum – immer vor Beginn der Antibiotikagabe.

Kreislauf

Schocklage und Bilanzierung

Beine über Kopfniveau lagern (Autotransfusion), Ein- und Ausfuhr über 24 Stunden genau erheben, Urinausscheidung engmaschig beobachten.

Fieber

Phasengerecht pflegen

Im Anstieg wärmen, in der Höhe kühlen und Flüssigkeit sichern, im Abfall auf Kreislaufwarnzeichen achten und Kleidung wechseln.

Bettruhe

Bedarfsgerechte Prophylaxen frühzeitig umsetzen.

Absolute Bettruhe erhöht das Risiko für Dekubitus, Thrombose, Pneumonie und Kontrakturen – entsprechende Prophylaxen laufen mit.

Verletzungsrisiko

Vorsichtiger handeln

Gestörte Blutgerinnung erhöht die Verletzungsgefahr – bei Mundpflege und Rasur besonders vorsichtig sein, auf Pflaster eher verzichten.

Frühwarnzeichen

Verschlechterung erkennen

Early Warning Scores bündeln Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, Temperatur, Herzfrequenz und Blutdruck, um eine Verschlechterung sichtbar zu machen.

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Prävention

Impfungen, Hygiene und Früherkennung

Vieles, was eine Sepsis verhindert, ist bereits pflegerischer Alltag – wenn es konsequent umgesetzt wird.

Häufigste Ausgangsherde einer Sepsis, mit Anteil an allen Fällen.

Ausgangsherd
Anteil
Lunge und Atemwege
rund 40 %
Harnwege
rund 20 %
Quelle unbekannt
rund 17,5 %
Bauchraum
rund 12 %
Zentrales Nervensystem
rund 1,5 %

Empfohlene Impfungen

Die STIKO empfiehlt zur Sepsisprävention insbesondere Impfungen gegen Influenza, COVID-19, RSV, Pneumokokken, Meningokokken und Haemophilus influenzae B – für Menschen über 60 Jahre zusätzlich die Gürtelrose-Impfung.

80 Prozent laufen über die Hände

Rund 80 Prozent der Krankenhausinfektionen werden über die Hände übertragen. Konsequente Händehygiene bleibt damit die wirksamste Einzelmaßnahme – wichtiger als häufiges Händewaschen, das die Haut eher schädigt als eine hygienische Händedesinfektion.

Risikogruppen im Blick behalten

  • Menschen mit liegenden Zugängen (Blasenkatheter, ZVK, Beatmungstubus)
  • Menschen mit chronischen Wunden, etwa Dekubitus
  • Menschen mit häufigen Krankenhausaufenthalten oder in Langzeitpflege
  • Ältere Menschen und Menschen mit geschwächtem Immunsystem
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Langzeitfolgen

Leben nach der Sepsis

Überleben ist nicht dasselbe wie Genesung. Für viele beginnt die eigentliche Herausforderung erst nach der Entlassung.

Post-Intensive Care Syndrom (PICS)

75 Prozent der Betroffenen leiden nach einer Sepsis an Langzeitfolgen – körperlich, kognitiv oder psychisch. Etwa ein Drittel weist zwölf Monate nach der Erkrankung kognitive Defizite auf, die mit einem leichten Schädel-Hirn-Trauma vergleichbar sind.

  • Physisch: anhaltende Schwäche, Müdigkeit, Schmerzen, in schweren Fällen Critical-Illness-Polyneuropathie
  • Kognitiv: Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, teils bis Jahre nach der Erkrankung
  • Psychisch: posttraumatische Belastungsstörung, Angststörungen, Depression

Vergleichbar mit Long-Covid

Sepsis-Folgen können Monate oder Jahre anhalten – etwa jede zweite betroffene Person mit Spätfolgen kann ihrer beruflichen Tätigkeit nicht mehr wie zuvor nachgehen. Spezifische Rehabilitationsangebote sind in Deutschland bislang rar, was die Wiederaufnahmerate in den ersten 90 Tagen nach überstandener Sepsis erhöht.

Was hilft

  • Intensivtagebücher: führen nachweislich zu weniger PTBS in den ersten Monaten nach der Entlassung.
  • Follow-Up-Gespräche: gleichen Erinnerungen mit der Realität ab und unterstützen die Verarbeitung.
  • Selbsthilfe: Die Deutsche Sepsis-Hilfe e.V. berät Betroffene und Angehörige kostenlos telefonisch und per E-Mail.

Hausärztinnen und Hausärzte sollten nach der Entlassung gezielt nach PICS-Anzeichen fragen, neue Medikation erfassen und die Notwendigkeit von Reha, Ergo-, Physio- oder Psychotherapie prüfen – das Entlassmanagement nach § 39 SGB V ist dafür der gesetzliche Rahmen.

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Praxis

Typische Fehler – und wie es besser geht

Sechs Stolperstellen - und wie sie sich im Alltag vermeiden lassen.

Auf eindeutige Symptome warten, bevor gehandelt wird

Besser: Schon bei einem diffusen „Gefühl, dass etwas nicht stimmt" sofort ärztliches Personal informieren.

SIRS-Kriterien mit einer Sepsis gleichsetzen

Besser: SIRS ohne nachgewiesene Infektion ist keine Sepsis – die Unterscheidung entscheidet über das weitere Vorgehen.

Blutkulturen erst nach Antibiotikagabe abnehmen

Besser: Immer vorher entnehmen – auch wenn das Ergebnis erst Tage später vorliegt.

Bei normaler Temperatur eine Sepsis ausschließen

Besser: Bei älteren oder immungeschwächten Menschen kann die Temperatur trotz Sepsis normal oder erniedrigt sein.

Prophylaxen bei absoluter Bettruhe vernachlässigen

Besser: Thrombose-, Dekubitus-, Pneumonie- und Kontrakturenprophylaxe laufen konsequent mit.

PICS nach der Entlassung nicht ansprechen

Besser: Im Entlassbericht auf mögliche Spätfolgen hinweisen und Nachsorge aktiv einleiten.

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WissenScheck

Sitzt Ihr Wissen zur Sepsis?

Drei Lernfragen im SuperNurse-Stil – mit fachlicher Begründung nach jeder Antwort.

[Eine Sepsis ist eine lebensbedrohliche Dysfunktion der Organe infolge einer fehlgeleiteten Immunreaktion auf eine Infektion. Sie zählt zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland und stellt einen akuten Notfall dar, der aufgrund unspezifischer Anzeichen oft schwer zu erkennen ist.]

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Aktuelle Fachinhalte

Dieses Fachthema basiert auf der S3-Leitlinie Sepsis, Update 2025.

Nachweise und Lernfortschritt

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SuperNurse-Cockpit: Lernstand eines Wohnbereichs je Fachthema in Prozent
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FAQ

Häufige Fragen zur Sepsis

Was ist der Unterschied zwischen Sepsis und Blutvergiftung?
Ist SIRS dasselbe wie eine Sepsis?
Was misst der qSOFA-Score?
Wie schnell muss eine Antibiotikatherapie bei Sepsis beginnen?
Welche Impfungen schützen vor Sepsis?
Was ist ein Post-Intensive Care Syndrom (PICS)?
Wie viele Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Sepsis?
Gibt es Unterstützung für Sepsis-Überlebende?
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