Das Wichtigste in Kürze
Sechs Punkte zur Sepsis, die jede Pflegefachperson kennen sollte.
Was ist eine Sepsis?
Umgangssprachlich „Blutvergiftung" genannt, ist die Sepsis fachlich präziser definiert: eine lebensbedrohliche Organdysfunktion infolge einer fehlgeleiteten Immunreaktion auf eine Infektion.
Eine Sepsis kann als Komplikation nahezu jeder Infektion auftreten – am häufigsten ausgelöst durch bakterielle Infektionen der Atemwege, des Verdauungstrakts oder des Urogenitaltrakts. Die häufigsten Erreger sind gramnegative Bakterien wie E. coli, Staphylococcus aureus und Streptokokken.
Häufiger Irrtum
SIRS (Systematic Inflammatory Response Syndrome) ist eine generalisierte Entzündungsreaktion, die klinisch einer Sepsis ähneln kann, jedoch ohne nachweisbare Infektion auftritt, etwa nach einem schweren Trauma oder bei einer Pankreatitis. Viele Menschen mit SIRS-Kriterien entwickeln keine Infektion und haben keine ungünstige Prognose. Die SIRS-Kriterien allein sind zu unspezifisch, um eine Sepsis zu diagnostizieren.
Wann wird aus einer Sepsis ein septischer Schock?
Der septische Schock ist eine Form des distributiven Schocks. Der distributive Schock zählt zu den vier Hauptformen des Schocks; dazu gehören auch der anaphylaktische und der neurogene Schock. Dabei ist das Blut im Körper fehlverteilt, sodass lebenswichtige Organe nicht ausreichend versorgt werden.
Infektion
Mikroorganismen dringen in den Organismus ein und lösen je nach Virulenz und Abwehrlage eine Entzündungsreaktion oder Erkrankung aus.
Bakteriämie
Lebende Bakterien sind im Blut nachweisbar. Bei Viren spricht man von Virämie, bei Pilzen von Fungämie, bei Parasiten von Parasitämie.
Multiorganversagen
Versagen mindestens zweier lebenswichtiger Organsysteme, etwa Lunge, Niere und Leber – eine mögliche Folge einer unbehandelten Sepsis.
Frühzeichen und der qSOFA-Score
Das klinische Bild einer Sepsis ist unspezifisch, gerade das macht sie gefährlich. Ein einfacher Score unterstützt das frühzeitige Erkennen eines erhöhten Risikos.
Woran Pflegefachpersonen denken sollten
Bei Menschen mit vermuteter oder nachgewiesener Infektion sollte an eine Sepsis gedacht werden bei:
- erhöhter Herzfrequenz und beschleunigter Atmung
- niedrigem Blutdruck
- Verwirrtheit oder Desorientiertheit
- dem Gefühl, dass mit der Person etwas nicht stimmt – ausdrücklich als eigenständiges Warnzeichen anerkannt
Besteht ein Sepsis-Verdacht, muss das ärztliche Personal sofort informiert werden – ein Gefühl reicht als Anlass.
Täuschend gesund
Bei Neugeborenen, älteren oder immungeschwächten Menschen kann die Körpertemperatur normal oder sogar erniedrigt sein. Weil die Hautdurchblutung zu Beginn gesteigert ist, können Betroffene sogar gesünder wirken, als sie tatsächlich sind.
Der qSOFA-Score: drei Kriterien für die Ersteinschätzung
Der qSOFA-Score (quick Sepsis related Organ Failure Assessment) wurde von der Sepsis-3-Arbeitsgruppe entwickelt, um Betroffene mit hohem Risiko schnell zu identifizieren – außerklinisch, in Notaufnahmen und auf Normalstationen. Er ersetzt keine Diagnose, sondern dient der schnellen Einschätzung ohne Labor.
qSOFA – drei Kriterien
- Atemfrequenz ≥ 22/min
- Systolischer Blutdruck ≤ 100 mmHg
- Glasgow Coma Score (GCS) < 15 Punkte
Zwei oder mehr Kriterien erfüllt
- Hinweis auf eine Sepsis mit schlechterem Outcome
- Sofortige ärztliche Information und weitere Diagnostik
- Ersetzt nicht die klinische Gesamteinschätzung
Auf Intensivstationen kommt ergänzend der aufwändigere SOFA-Score zum Einsatz: Er bewertet sechs Organsysteme mit je 0 bis 4 Punkten. Eine Verschlechterung um mindestens 2 Punkte gilt als Hinweis auf eine sepsisassoziierte Organdysfunktion – bei stationären Patient:innen außerhalb der Intensivstation entspricht das einem Mortalitätsrisiko von über 10 Prozent.
Warum die erste Stunde zählt
Bei Sepsis ist Zeit der entscheidende Faktor. Das „Stunde-1-Maßnahmenbündel" bündelt, was in den ersten 60 Minuten nach Verdacht passieren sollte.
Laktatwert bestimmen
Bei über 2 mmol/l Kontrollmessung durchführen.
Blutkulturen abnehmen
Mindestens zwei Proben, vor Beginn der Antibiotikagabe.
Antibiotikatherapie starten
Sofort nach Probenentnahme, in hoher Dosierung.
Volumen und Kreislauf sichern
Bei niedrigem Blutdruck: Vollelektrolytlösung, bei Bedarf Vasopressoren (Ziel-MAP ≥ 65 mmHg).
Die Zahl, die alles erklärt
Jede Stunde Verzögerung bei einer wirksamen Antibiotikatherapie erhöht die Sterblichkeit um bis zu 7 Prozent. Breitspektrumantibiotika gelten bei Sepsis als absolute Notfallmedikamente – das Ergebnis der Blutkultur liegt erst nach 2 bis 3 Tagen vor und spielt für die erste Wahl des Antibiotikums keine Rolle.
Zwei Säulen der Therapie
- Erreger beseitigen: antimikrobielle Therapie plus Ausschaltung des Infektionsherdes – etwa durch Entfernen infizierter Katheter oder chirurgische Wundreinigung.
- Organfunktionen stützen: Sauerstoffgabe, Kreislaufstabilisierung und bei Bedarf Ersatz ausgefallener Organfunktionen.
Bei septischem Schock soll die intravenöse Antiinfektiva-Therapie innerhalb einer Stunde beginnen; bei Sepsisverdacht ohne Schocksymptomatik bleibt nach aktueller Leitlinie ein Zeitfenster von bis zu drei Stunden für weitere Diagnostik. Die Antibiotikatherapie dauert in der Regel 7 bis 10 Tage.
Pflegerische Aufgaben bei Sepsis und septischem Schock
Von der Diagnostik bis zur Stabilisierung – die pflegerische Rolle reicht weit über die Medikamentengabe hinaus.
Impfungen, Hygiene und Früherkennung
Vieles, was eine Sepsis verhindert, ist bereits pflegerischer Alltag – wenn es konsequent umgesetzt wird.
Häufigste Ausgangsherde einer Sepsis, mit Anteil an allen Fällen.
Empfohlene Impfungen
Die STIKO empfiehlt zur Sepsisprävention insbesondere Impfungen gegen Influenza, COVID-19, RSV, Pneumokokken, Meningokokken und Haemophilus influenzae B – für Menschen über 60 Jahre zusätzlich die Gürtelrose-Impfung.
80 Prozent laufen über die Hände
Rund 80 Prozent der Krankenhausinfektionen werden über die Hände übertragen. Konsequente Händehygiene bleibt damit die wirksamste Einzelmaßnahme – wichtiger als häufiges Händewaschen, das die Haut eher schädigt als eine hygienische Händedesinfektion.
Risikogruppen im Blick behalten
- Menschen mit liegenden Zugängen (Blasenkatheter, ZVK, Beatmungstubus)
- Menschen mit chronischen Wunden, etwa Dekubitus
- Menschen mit häufigen Krankenhausaufenthalten oder in Langzeitpflege
- Ältere Menschen und Menschen mit geschwächtem Immunsystem
Leben nach der Sepsis
Überleben ist nicht dasselbe wie Genesung. Für viele beginnt die eigentliche Herausforderung erst nach der Entlassung.
Post-Intensive Care Syndrom (PICS)
75 Prozent der Betroffenen leiden nach einer Sepsis an Langzeitfolgen – körperlich, kognitiv oder psychisch. Etwa ein Drittel weist zwölf Monate nach der Erkrankung kognitive Defizite auf, die mit einem leichten Schädel-Hirn-Trauma vergleichbar sind.
- Physisch: anhaltende Schwäche, Müdigkeit, Schmerzen, in schweren Fällen Critical-Illness-Polyneuropathie
- Kognitiv: Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, teils bis Jahre nach der Erkrankung
- Psychisch: posttraumatische Belastungsstörung, Angststörungen, Depression
Vergleichbar mit Long-Covid
Sepsis-Folgen können Monate oder Jahre anhalten – etwa jede zweite betroffene Person mit Spätfolgen kann ihrer beruflichen Tätigkeit nicht mehr wie zuvor nachgehen. Spezifische Rehabilitationsangebote sind in Deutschland bislang rar, was die Wiederaufnahmerate in den ersten 90 Tagen nach überstandener Sepsis erhöht.
Was hilft
- Intensivtagebücher: führen nachweislich zu weniger PTBS in den ersten Monaten nach der Entlassung.
- Follow-Up-Gespräche: gleichen Erinnerungen mit der Realität ab und unterstützen die Verarbeitung.
- Selbsthilfe: Die Deutsche Sepsis-Hilfe e.V. berät Betroffene und Angehörige kostenlos telefonisch und per E-Mail.
Hausärztinnen und Hausärzte sollten nach der Entlassung gezielt nach PICS-Anzeichen fragen, neue Medikation erfassen und die Notwendigkeit von Reha, Ergo-, Physio- oder Psychotherapie prüfen – das Entlassmanagement nach § 39 SGB V ist dafür der gesetzliche Rahmen.
Typische Fehler – und wie es besser geht
Sechs Stolperstellen - und wie sie sich im Alltag vermeiden lassen.
Sitzt Ihr Wissen zur Sepsis?
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[Eine Sepsis ist eine lebensbedrohliche Dysfunktion der Organe infolge einer fehlgeleiteten Immunreaktion auf eine Infektion. Sie zählt zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland und stellt einen akuten Notfall dar, der aufgrund unspezifischer Anzeichen oft schwer zu erkennen ist.]
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Aktuelle Fachinhalte
Dieses Fachthema basiert auf der S3-Leitlinie Sepsis, Update 2025.
Nachweise und Lernfortschritt
Leitungspersonen behalten Qualifikationen im Blick – inklusive Zertifikaten.
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Häufige Fragen zur Sepsis
Es gibt keinen – „Blutvergiftung" ist der umgangssprachliche Begriff für Sepsis, eine lebensbedrohliche Organdysfunktion infolge einer fehlgeleiteten Immunreaktion auf eine Infektion.
Nein. SIRS ist eine generalisierte Entzündungsreaktion ohne nachweisbare Infektion, etwa nach einem Trauma. Sie beweist keine Sepsis und keinen bevorstehenden septischen Schock.
Atemfrequenz, systolischen Blutdruck und den Glasgow Coma Score. Er dient der Ersteinschätzung eines Sepsis Risikos ohne Labor, nicht der endgültigen Diagnose.
Idealerweise innerhalb der ersten Stunde nach Verdacht, nach Abnahme der Blutkulturen. Jede Stunde Verzögerung erhöht die Sterblichkeit um bis zu 7 Prozent.
Die STIKO empfiehlt insbesondere Impfungen gegen Pneumokokken, Meningokokken, Influenza, COVID-19, RSV und Haemophilus influenzae B – für Menschen über 60 zusätzlich die Gürtelrose-Impfung.
Körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchtigungen, die nach einem Intensivaufenthalt neu oder verstärkt auftreten – etwa Muskelschwäche, Gedächtnisprobleme oder eine posttraumatische Belastungsstörung.
Rund 230.000 Menschen pro Jahr, etwa 85.000 sterben daran. Die Dunkelziffer gilt als höher, da nicht alle Fälle als Sepsis kodiert werden.
Ja. Die Deutsche Sepsis-Hilfe e.V. berät Betroffene und Angehörige kostenlos telefonisch (+49 700 73774 700) und per E-Mail.
Quellen & weiterführende Informationen
Fachliche Grundlage dieser Seite sind die S3-Leitlinie Sepsis (Update 2025) und die Handlungsempfehlungen des Aktionsbündnisses Patientensicherheit.

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