Das Wichtigste in Kürze
Sechs Punkte zum Expertenstandard Dekubitusprophylaxe.
Was ist Dekubitusprophylaxe?
Ein Dekubitus ist eine lokal begrenzte Schädigung der Haut und/oder des darunterliegenden Gewebes, meist über knöchernen Vorsprüngen, verursacht durch Druck oder Druck in Kombination mit Scherkräften. Dekubitusprophylaxe umfasst alle Maßnahmen, die diese Schädigung verhindern.
Längerer Druck auf die Haut kann Blutgefäße in der Lederhaut und im subkutanen Gewebe abdrücken. Hält diese Minderdurchblutung an, entstehen Hautschäden. Häufig beginnt die Schädigung zuerst im empfindlicheren Muskelgewebe – während die Haut darüber noch intakt aussieht.
Warum das Thema zählt
Ein Dekubitus ist für Betroffene äußerst schmerzhaft und führt häufig über Monate zur Pflegebedürftigkeit. Seit Einführung des Expertenstandards 2004 ist die Zahl der Druckgeschwüre in Heimen und Kliniken kontinuierlich gesunken – die Dekubitusinzidenz gilt heute als anerkannter Qualitätsindikator.
Vier Wege, Druck zu reduzieren
Der Expertenstandard unterscheidet vier Interventionskategorien zur Druckentlastung:
Eigenbewegung fördern
Die betroffene Person wird angeleitet und unterstützt, sich möglichst selbst zu bewegen.
Position wechseln
Regelmäßige, individuell festgelegte Positionswechsel entlasten gefährdete Körperstellen.
Gefährdete Stellen freilagern
Besonders belastete Stellen wie Fersen werden vollständig vom Druck entlastet.
Therapiebedingten Druck senken
Sonden, Katheter und andere Zu- und Ableitungen werden so platziert, dass sie nicht aufliegen.
Diese Kategorien überschneiden sich in der Praxis oft: Ein Positionswechsel kann gleichzeitig eine Anleitung zur Eigenbewegung sein und Fersen freilegen. Die Dekubitusprävention ist damit kein linearer Ablauf, sondern ein fortlaufender Kreislauf aus Einschätzen, Entscheiden, Durchführen und erneutem Prüfen.
Wodurch entsteht ein Dekubitus?
Über 100 Risikofaktoren wurden in Studien beschrieben. Ihr Vorhandensein erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen Dekubitus, wirkt aber nicht zwingend direkt ursächlich. Drei Faktoren gelten als kausal.
Die drei kausalen Risikofaktoren
Diese drei personenbezogenen Merkmale dienen als orientierendes Rahmenmodell für die Einschätzung:
- Immobilität: eingeschränkte Fähigkeit, sich selbstständig zu bewegen oder die Position zu verändern.
- Beeinträchtigter Hautzustand: ein bereits geschädigter Hautzustand oder ein bestehender Dekubitus.
- Minderdurchblutung: eine gestörte Durchblutung reduziert die Widerstandsfähigkeit des Gewebes.
Risikofaktoren treten selten allein auf: Mobilitätseinschränkungen gehen oft mit Sensibilitätsstörungen, Kontinenzproblemen oder Mangelernährung einher. Je mehr Faktoren zusammenkommen, desto höher das Risiko – und desto wichtiger die individuelle statt schematische Betrachtung.
Vom „Risiko“ zum „individuellen Risiko“
Die 2. Aktualisierung des Expertenstandards ersetzt den Begriff „Dekubitusgefährdung“ durch „individuelles Dekubitusrisiko“. Der Unterschied ist mehr als Wortklauberei: Es geht nicht nur darum, eine Gefährdung zu erkennen, sondern zu verstehen, worin sie im konkreten Fall besteht – nur so lassen sich die richtigen Maßnahmen ableiten.
Warum eine Risikoskala allein nicht reicht
Braden-, Norton- oder Waterlow-Skala – viele Einrichtungen setzen auf Punktesysteme. Der Expertenstandard sagt dazu etwas, das oft übersehen wird.
Häufiger Irrtum
Der Expertenstandard spricht keine Empfehlung für standardisierte Risikoskalen aus – wissenschaftliche Belege für ihren gesundheitsbezogenen Nutzen fehlen. Skalen wie Braden, Norton, Waterlow oder Cubbin-Jackson dürfen unterstützend eingesetzt werden, ersetzen aber nie die klinische Einschätzung durch die Pflegefachperson. Es gibt keine Belege dafür, dass prophylaktische Maßnahmen allein auf Basis eines Skalenwerts wirksamer sind.
Initiales Screening und differenzierte Einschätzung
Zwei Schritte, die zusammengehören, aber unterschiedliche Tiefe haben:
Initiales Screening
- Erste, schnelle Einschätzung von Druck- und Scherkrafteinwirkung sowie Hautzustand
- Fokus auf akute Risikofaktoren
- In manchen Settings (Neonatologie, Intensiv, Geriatrie) wird ein Risiko grundsätzlich angenommen – das Screening entfällt dann
Differenzierte Einschätzung
- Umfassender, tiefgehender Prozess
- Berücksichtigt individuelle Risikofaktoren und den gesamten Gesundheitszustand
- Wird wiederholt, sobald sich Hautzustand, Mobilität oder Druckeinwirkung verschlechtern
Wichtig für die Dokumentation: Liegt kein Dekubitusrisiko vor, muss auch das für alle Beteiligten einsehbar festgehalten werden – nicht nur ein bestehendes Risiko.
Dekubitus erkennen und einordnen
Nach der internationalen Dekubitusleitlinie wurde der Begriff „Dekubitusgrad“ durch „Kategorie“ ersetzt. Nach ICD wird weiterhin „Grad“ verwendet – beide Begriffe meinen dieselbe Einteilung.
Der Finger-Test
Eine einfache Methode zur Unterscheidung von physiologischer Rötung und beginnendem Dekubitus:
Test negativ
- Haut wird nach dem Eindrücken heller
- Hautzustand ist physiologisch
Test positiv
- Haut bleibt nach dem Eindrücken gerötet
- Entspricht einem Dekubitus Kategorie 1 – Lagerungsintervall verkürzen
Das Ergebnis wird dokumentiert, etwa im Lagerungs- oder Bewegungsprotokoll.
Besonders im Blick behalten
Bei dunkler Hautfarbe ist eine Rötung deutlich schwerer zu erkennen. Auch die Abgrenzung zu inkontinenzassoziierter Dermatitis, Hautrissen oder pflasterbedingten Hautschäden erfordert Erfahrung – Studien zeigen eine hohe Fehleranfälligkeit, besonders bei Kategorie 1.
Bewegungsförderung vor Hilfsmitteln
Druckentlastung ist das zentrale Ziel der Prophylaxe. Hilfsmittel ergänzen diese Arbeit – sie ersetzen sie nicht.
Häufiger Irrtum
„Alle zwei Stunden lagern“ ist eine weit verbreitete, aber nie wissenschaftlich belegte Regel – ihr Ursprung liegt bei Florence Nightingale im Krimkrieg. Der Expertenstandard gibt bewusst keine feste Empfehlung zu Häufigkeit oder Dauer von Positionswechseln. Üblich beschrieben werden Intervalle von 2 bis 6 Stunden, individuell angepasst an Hautzustand, Mobilität und persönliche Wünsche.
Positionierung im Liegen und Sitzen
- In mehreren Leitlinien empfohlen: 30°- oder 40°-Seitenlage im Wechsel mit Rückenlage.
- Sitzen erzeugt höheren Druck als Liegen – die Sitzdauer sollte deshalb zeitlich begrenzt sein.
- Therapeutische Lagerungsmethoden wie Bobath verfolgen andere Ziele und ersetzen keine Dekubitusprophylaxe.
Geeignete Hilfsmittel
- Hilfsmittel mit breiter Auflagefläche zur Druckverteilung
- Hilfsmittel, die über längere Zeit ihre Form behalten
- Weichlagerungs- und Wechseldrucksysteme – regelmäßig auf Eignung prüfen
Ungeeignete Hilfsmittel
- Ringförmige Hilfsmittel – erhöhen den Druck an den Rändern
- Luft- oder wassergefüllte Handschuhe, Wattepolster
- Felle und Watteverbände – keine belegte Wirksamkeit
Grundsatz bei der Auswahl: so wenig Hilfsmittel wie möglich, so viele wie nötig. Weichlagerungs- und Wechseldrucksysteme dienen zwar der Prophylaxe, können aber die Körperwahrnehmung stören und Immobilität fördern – deshalb regelmäßig prüfen, ob sie noch angemessen sind.
Typische Fehler – und wie es besser geht
Sechs Stolperstellen, die in der Praxis und in Prüfungen immer wieder auffallen.
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Aktuelle Fachinhalte
Dieses Fachthema basiert auf dem DNQP-Expertenstandard, 2. Aktualisierung 2017.
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Häufige Fragen zur Dekubitusprophylaxe
Eine lokal begrenzte Schädigung der Haut und/oder des darunterliegenden Gewebes, meist über einem Knochenvorsprung, verursacht durch Druck oder Druck in Kombination mit Scherkräften.
Keine. Der Expertenstandard empfiehlt kein bestimmtes Instrument – Skalen wie Braden dürfen die klinische Einschätzung unterstützen, aber nicht ersetzen.
Nein. Diese Regel ist nie wissenschaftlich belegt worden. Üblich beschrieben werden Intervalle von 2 bis 6 Stunden, individuell an Hautzustand und Mobilität angepasst.
Beide Begriffe meinen dieselbe Einteilung. „Kategorie“ folgt der internationalen Dekubitusleitlinie, „Grad“ wird nach ICD verwendet. Auch „Stadium“ ist in der Literatur gebräuchlich.
Über den Finger-Test: Eine Hautrötung wird kurz eingedrückt. Bleibt sie danach gerötet, entspricht das einem Dekubitus Kategorie 1. Bei dunkler Hautfarbe ist die Rötung schwerer zu erkennen.
Ringförmige Hilfsmittel, luft- oder wassergefüllte Handschuhe sowie Wattepolster und -verbände. Sie verlagern den Druck oder zeigen keine belegte Wirksamkeit.
Ja. Liegt kein Risiko vor, muss dies für alle an der Versorgung Beteiligten einsehbar dokumentiert werden – nicht nur ein bestehendes Risiko.
2017, im Rahmen der 2. Aktualisierung. Dabei wurde unter anderem der Begriff „Dekubitusgefährdung“ durch „individuelles Dekubitusrisiko“ ersetzt.
Quellen & weiterführende Informationen
Fachliche Grundlage dieser Seite ist der Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege (DNQP, 2. Aktualisierung 2017).




