Dekubitusprophylaxe: der Expertenstandard einfach erklärt

Der Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege beschreibt, wie Pflegefachpersonen das individuelle Dekubitusrisiko einschätzen, geeignete Maßnahmen auswählen und deren Wirkung überprüfen – mit dem Ziel, Druckgeschwüre zu vermeiden, ohne den Menschen unnötig einzuschränken.

Auf Basis des DNQP-Expertenstandards, 2. Aktualisierung 2017 – fachlich geprüft.

Ein Computerbildschirm welcher ein Screenshot des SuperNurse Cockpit und die mobile Version der App zeigt.
3 Risikofaktoren
Kategorie statt Grad
Überblick

Das Wichtigste in Kürze

Sechs Punkte zum Expertenstandard Dekubitusprophylaxe.

Mehr als ein Formular

Der Standard begleitet den ganzen Pflegeprozess: Einschätzung, Planung, Durchführung, Evaluation.

1

Drei kausale Risikofaktoren

Immobilität, beeinträchtigter Hautzustand und Minderdurchblutung wirken direkt auf die Entstehung.

2

Keine Skalenpflicht

Risikoskalen wie Braden unterstützen, ersetzen aber nie die klinische Einschätzung.

3

Bewegung vor Hilfsmitteln

Eigenbewegung fördern und Position wechseln stehen vor dem Einsatz von Matratzen und Kissen.

4

Kategorie statt Grad

International werden bis zu sechs Kategorien unterschieden, in Deutschland meist nach ICD.

5

Zuletzt aktualisiert 2017

Die 2. Aktualisierung ersetzte „Dekubitusgefährdung“ durch „individuelles Dekubitusrisiko“.

6
1
Definition

Was ist Dekubitusprophylaxe?

Ein Dekubitus ist eine lokal begrenzte Schädigung der Haut und/oder des darunterliegenden Gewebes, meist über knöchernen Vorsprüngen, verursacht durch Druck oder Druck in Kombination mit Scherkräften. Dekubitusprophylaxe umfasst alle Maßnahmen, die diese Schädigung verhindern.

Längerer Druck auf die Haut kann Blutgefäße in der Lederhaut und im subkutanen Gewebe abdrücken. Hält diese Minderdurchblutung an, entstehen Hautschäden. Häufig beginnt die Schädigung zuerst im empfindlicheren Muskelgewebe – während die Haut darüber noch intakt aussieht.

Warum das Thema zählt

Ein Dekubitus ist für Betroffene äußerst schmerzhaft und führt häufig über Monate zur Pflegebedürftigkeit. Seit Einführung des Expertenstandards 2004 ist die Zahl der Druckgeschwüre in Heimen und Kliniken kontinuierlich gesunken – die Dekubitusinzidenz gilt heute als anerkannter Qualitätsindikator.

Vier Wege, Druck zu reduzieren

Der Expertenstandard unterscheidet vier Interventionskategorien zur Druckentlastung:

Weg 1

Eigenbewegung fördern

Die betroffene Person wird angeleitet und unterstützt, sich möglichst selbst zu bewegen.

Weg 2

Position wechseln

Regelmäßige, individuell festgelegte Positionswechsel entlasten gefährdete Körperstellen.

Weg 3

Gefährdete Stellen freilagern

Besonders belastete Stellen wie Fersen werden vollständig vom Druck entlastet.

Weg 4

Therapiebedingten Druck senken

Sonden, Katheter und andere Zu- und Ableitungen werden so platziert, dass sie nicht aufliegen.

Diese Kategorien überschneiden sich in der Praxis oft: Ein Positionswechsel kann gleichzeitig eine Anleitung zur Eigenbewegung sein und Fersen freilegen. Die Dekubitusprävention ist damit kein linearer Ablauf, sondern ein fortlaufender Kreislauf aus Einschätzen, Entscheiden, Durchführen und erneutem Prüfen.

2
Risikofaktoren

Wodurch entsteht ein Dekubitus?

Über 100 Risikofaktoren wurden in Studien beschrieben. Ihr Vorhandensein erhöht die Wahrscheinlichkeit für einen Dekubitus, wirkt aber nicht zwingend direkt ursächlich. Drei Faktoren gelten als kausal.

Die drei kausalen Risikofaktoren

Diese drei personenbezogenen Merkmale dienen als orientierendes Rahmenmodell für die Einschätzung:

  • Immobilität: eingeschränkte Fähigkeit, sich selbstständig zu bewegen oder die Position zu verändern.
  • Beeinträchtigter Hautzustand: ein bereits geschädigter Hautzustand oder ein bestehender Dekubitus.
  • Minderdurchblutung: eine gestörte Durchblutung reduziert die Widerstandsfähigkeit des Gewebes.
Art
Beispiele
Personenbezogen
Sensibilitätsstörungen, reduzierter Allgemeinzustand, Diabetes mellitus, hohes oder niedriges Körpergewicht
Umgebungsbezogen
Knittrige Bettlaken, Gegenstände im Bett, harte Matratzen, enge Stühle
Therapiebezogen
Sonden, Drainagen, Katheter, medizinische Geräte, die auf der Haut aufliegen

Risikofaktoren treten selten allein auf: Mobilitätseinschränkungen gehen oft mit Sensibilitätsstörungen, Kontinenzproblemen oder Mangelernährung einher. Je mehr Faktoren zusammenkommen, desto höher das Risiko – und desto wichtiger die individuelle statt schematische Betrachtung.

Vom „Risiko“ zum „individuellen Risiko“

Die 2. Aktualisierung des Expertenstandards ersetzt den Begriff „Dekubitusgefährdung“ durch „individuelles Dekubitusrisiko“. Der Unterschied ist mehr als Wortklauberei: Es geht nicht nur darum, eine Gefährdung zu erkennen, sondern zu verstehen, worin sie im konkreten Fall besteht – nur so lassen sich die richtigen Maßnahmen ableiten.

3
Einschätzung

Warum eine Risikoskala allein nicht reicht

Braden-, Norton- oder Waterlow-Skala – viele Einrichtungen setzen auf Punktesysteme. Der Expertenstandard sagt dazu etwas, das oft übersehen wird.

Häufiger Irrtum

Der Expertenstandard spricht keine Empfehlung für standardisierte Risikoskalen aus – wissenschaftliche Belege für ihren gesundheitsbezogenen Nutzen fehlen. Skalen wie Braden, Norton, Waterlow oder Cubbin-Jackson dürfen unterstützend eingesetzt werden, ersetzen aber nie die klinische Einschätzung durch die Pflegefachperson. Es gibt keine Belege dafür, dass prophylaktische Maßnahmen allein auf Basis eines Skalenwerts wirksamer sind.

Initiales Screening und differenzierte Einschätzung

Zwei Schritte, die zusammengehören, aber unterschiedliche Tiefe haben:

Initiales Screening

  • Erste, schnelle Einschätzung von Druck- und Scherkrafteinwirkung sowie Hautzustand
  • Fokus auf akute Risikofaktoren
  • In manchen Settings (Neonatologie, Intensiv, Geriatrie) wird ein Risiko grundsätzlich angenommen – das Screening entfällt dann

Differenzierte Einschätzung

  • Umfassender, tiefgehender Prozess
  • Berücksichtigt individuelle Risikofaktoren und den gesamten Gesundheitszustand
  • Wird wiederholt, sobald sich Hautzustand, Mobilität oder Druckeinwirkung verschlechtern

Wichtig für die Dokumentation: Liegt kein Dekubitusrisiko vor, muss auch das für alle Beteiligten einsehbar festgehalten werden – nicht nur ein bestehendes Risiko.

4
Kategorien

Dekubitus erkennen und einordnen

Nach der internationalen Dekubitusleitlinie wurde der Begriff „Dekubitusgrad“ durch „Kategorie“ ersetzt. Nach ICD wird weiterhin „Grad“ verwendet – beide Begriffe meinen dieselbe Einteilung.

Kategorie 1

Nicht wegdrückbare Rötung

Die Haut bleibt intakt, zeigt aber eine nicht wegdrückbare Rötung über einem Knochenvorsprung – kann wärmer, kühler, fester oder schmerzhafter sein als das umgebende Gewebe.

Kategorie 2

Teilweiser Verlust der Dermis

Flaches, offenes Ulkus mit rotem Wundgrund oder eine intakte bzw. aufgeplatzte Blase. Nicht zu verwechseln mit Hautrissen oder inkontinenzbedingter Dermatitis.

Kategorie 3

Verlust aller Hautschichten

Subkutanes Fettgewebe kann sichtbar sein, Knochen, Sehnen oder Muskeln jedoch nicht. Die Tiefe variiert stark je nach Körperregion.

Kategorie 4

Freiliegende Muskeln, Sehnen, Knochen

Vollständiger Verlust von Haut und Unterhautfettgewebe, häufig mit Unterminierung benachbarter Strukturen.

Nicht zuordenbar

Tiefe unbekannt (Verdacht)

Verfärbter, druck- oder schergeschädigter Bereich, bei dem ein tiefes Druckgeschwür zu erwarten ist, aber noch nicht sichtbar wird.

Nicht bestimmbar

Tiefe durch Schorf verdeckt

Verlust aller Hautschichten, die tatsächliche Tiefe ist durch Schorf oder nekrotisches Gewebe verdeckt.

Der Finger-Test

Eine einfache Methode zur Unterscheidung von physiologischer Rötung und beginnendem Dekubitus:

Test negativ

  • Haut wird nach dem Eindrücken heller
  • Hautzustand ist physiologisch

Test positiv

  • Haut bleibt nach dem Eindrücken gerötet
  • Entspricht einem Dekubitus Kategorie 1 – Lagerungsintervall verkürzen

Das Ergebnis wird dokumentiert, etwa im Lagerungs- oder Bewegungsprotokoll.

Besonders im Blick behalten

Bei dunkler Hautfarbe ist eine Rötung deutlich schwerer zu erkennen. Auch die Abgrenzung zu inkontinenzassoziierter Dermatitis, Hautrissen oder pflasterbedingten Hautschäden erfordert Erfahrung – Studien zeigen eine hohe Fehleranfälligkeit, besonders bei Kategorie 1.

5
Maßnahmen

Bewegungsförderung vor Hilfsmitteln

Druckentlastung ist das zentrale Ziel der Prophylaxe. Hilfsmittel ergänzen diese Arbeit – sie ersetzen sie nicht.

Häufiger Irrtum

„Alle zwei Stunden lagern“ ist eine weit verbreitete, aber nie wissenschaftlich belegte Regel – ihr Ursprung liegt bei Florence Nightingale im Krimkrieg. Der Expertenstandard gibt bewusst keine feste Empfehlung zu Häufigkeit oder Dauer von Positionswechseln. Üblich beschrieben werden Intervalle von 2 bis 6 Stunden, individuell angepasst an Hautzustand, Mobilität und persönliche Wünsche.

Positionierung im Liegen und Sitzen

  • In mehreren Leitlinien empfohlen: 30°- oder 40°-Seitenlage im Wechsel mit Rückenlage.
  • Sitzen erzeugt höheren Druck als Liegen – die Sitzdauer sollte deshalb zeitlich begrenzt sein.
  • Therapeutische Lagerungsmethoden wie Bobath verfolgen andere Ziele und ersetzen keine Dekubitusprophylaxe.

Geeignete Hilfsmittel

  • Hilfsmittel mit breiter Auflagefläche zur Druckverteilung
  • Hilfsmittel, die über längere Zeit ihre Form behalten
  • Weichlagerungs- und Wechseldrucksysteme – regelmäßig auf Eignung prüfen

Ungeeignete Hilfsmittel

  • Ringförmige Hilfsmittel – erhöhen den Druck an den Rändern
  • Luft- oder wassergefüllte Handschuhe, Wattepolster
  • Felle und Watteverbände – keine belegte Wirksamkeit

Grundsatz bei der Auswahl: so wenig Hilfsmittel wie möglich, so viele wie nötig. Weichlagerungs- und Wechseldrucksysteme dienen zwar der Prophylaxe, können aber die Körperwahrnehmung stören und Immobilität fördern – deshalb regelmäßig prüfen, ob sie noch angemessen sind.

6
Praxis

Typische Fehler – und wie es besser geht

Sechs Stolperstellen, die in der Praxis und in Prüfungen immer wieder auffallen.

Feste 2-Stunden-Regel ohne individuelle Anpassung

Besser: Intervall von 2 bis 6 Stunden individuell festlegen und bei Bedarf anpassen.

Risikoskala als alleinige Entscheidungsgrundlage

Besser: Skalenwert nur als Unterstützung nutzen – die klinische Einschätzung bleibt entscheidend.

Hautrötung vorschnell als Kategorie 1 werten

Besser: Immer gegen inkontinenzbedingte oder pflasterbedingte Hautschäden abgrenzen.

Ringförmige Hilfsmittel oder Wattepolster einsetzen

Besser: Hilfsmittel mit breiter, formstabiler Auflagefläche verwenden.

Kein Dekubitusrisiko dokumentieren, wenn keins vorliegt

Besser: Auch ein fehlendes Risiko für alle Beteiligten einsehbar festhalten.

Transurethraler Dauerkatheter als Prophylaxemaßnahme

Besser: Regelmäßiger Wechsel des Inkontinenzmaterials und Hautpflege statt Katheter.

7
Wissencheck

Sitzt Ihr Wissen zur Dekubitusprophylaxe?

Drei Lernfragen im SuperNurse-Stil – mit fachlicher Begründung nach jeder Antwort.

  • Etwa eine Minute – ohne Anmeldung.
  • Die Fragen stammen aus dem Fachthema „Dekubitusprophylaxe“.
Wissen testen
--:--
--.--.----
Mini-Quiz
Medizinprodukterecht

Teste dein Wissen

Beantworte die Fragen und erfahre am Ende, wie sicher du bei diesem Thema bist.

lernen mit supernurse

Expertenstandards lernen, ohne die nächste 60-Minuten-Schulung

Fachwissen bleibt nicht durch einmalige Schulungen präsent, sondern durch Wiederholung. Genau dafür ist die Lern-App gebaut.

Kurze Quizrunden

Wissen wird regelmäßig und in kleinen Einheiten aufgefrischt.

Praxisnah

Im Dienst, in der Pause oder zu Hause – ohne festen Termin.

Aktuelle Fachinhalte

Dieses Fachthema basiert auf dem DNQP-Expertenstandard, 2. Aktualisierung 2017.

Nachweise und Lernfortschritt

Leitungspersonen behalten Qualifikationen im Blick – inklusive Zertifikaten.

SuperNurse-Cockpit: Lernstand eines Wohnbereichs je Fachthema in Prozent
8
FAQ

Häufige Fragen zur Dekubitusprophylaxe

Was ist ein Dekubitus?
Welche Risikoskala schreibt der Expertenstandard vor?
Muss wirklich alle zwei Stunden umgelagert werden?
Was ist der Unterschied zwischen Dekubitusgrad und -kategorie?
Wie erkenne ich einen Dekubitus Kategorie 1?
Welche Hilfsmittel sind für die Druckentlastung ungeeignet?
Muss ein fehlendes Dekubitusrisiko dokumentiert werden?
Wann wurde der Expertenstandard zuletzt aktualisiert?
Zum Hilfecenter